Wladimir Wladimirowitsch Putin - Biographie
www.wladimirputin.de
      

Von Alexander Rahr

Zusammenfassung von Webmasterin Bea

(habe das Buch gelesen, mit Word zusammengefasst und hier online gebracht. Das war wochenlange Arbeit. Wer Tippfehler findet, darf sie behalten. ;) )

 

Putin wurde am 07.10.1952 in Leningrad geboren. Er wuchs als Einzelkind auf, da die zwei älteren Brüder im kleinen Kindesalter ihr Leben verloren. Der eine verstarb nach seiner Geburt, der andere verhungerte im zweiten Weltkrieg während der deutschen Belagerung von Leningrad.

Putins Vater hieß Wladimir und wurde 1911 in der Hauptstadt des russischen Reiches, Sankt Petersburg, geboren. Er wuchs in Twer, eine Provinzstadt zwischen Sankt Petersburg und Moskau, auf. Dort erlernte er einen Arbeiterberuf und heiratete 1928 Putins Mutter Maria Iwanowna Schelomowa .

1932 zogen die Eltern von Twer nach Leningrad um, wo Putins Vater als Wachmann beim Waggonbauwerk arbeitete. Die Ehefrau arbeitete im gleichen Wachdienst als Sanitäterin. Später wurde Wladimir Putin Schlosser im selben Werk. Mitte Zwanzig wurde er zum Wehrdienst berufen, den er auf einem Unterseebot ableistete.

Im zweiten Weltkrieg wurde er in ein Sonderbataillon des NKVD für Sabotageakte im Feindlager berufen. Er verübte Anschläge auf deutsche Transportzüge. Im August 1999 verstarb Putin senior, wenige Tage vor der Ernennung seines Sohnes zum Ministerpräsidenten.

Putins Mutter verstarb 1998 in Sankt Petersburg an Krebs.

Wladimir junior wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Die Familie lebte in einer Gemeinschaftswohnung im fünften Stock eines alten Hauses im Zentrum der Stadt Leningrad. Der Lebensraum beschränkte sich auf 20 Quadratmeter.

Als Putin 5 Jahre alt war, ließ seine Mutter, in Begleitung einer älteren Nachbarin , ihren Sohn im Geheimen taufen.

Im September 1960 wurde Putin mit knapp 8 Jahren in die Schule Nummer 193 eingeschult.

Nach Aussagen seiner Lehrer war er ein schwieriger Junge. Wowa, oder Wolodja, so wurde er damals genannt, wuchs praktisch auf der Straße auf.

Die anderen Kinder hatten große Angst vor ihm, denn er schlug bei Auseinandersetzungen als erster zu.

Zusammen mit anderen Straßenkindern machte er die Gegend unsicher, rannte oft von zu Hause weg, schlug sich mit Nachbarjungen und musste selbst Prügel einstecken.

Die strenge Erziehung seines Vaters, die frühe Jugend auf der Straße prägten den Charakter Putins. Er lernte früh seine Gefühle zu verbergen, sich vor den Gefahren der Umgebung ständig in acht zu nehmen. Als Kind war Putin nicht kräftig, aber sehr frech. Er galt als wenig

folgsam, und seine Noten erreichten nur den Durchschnitt . Klassenlehrerin Gurjewitsch besorgte sich die Adresse der Familie, Baskow Pereulok Nr, 12, um mit den Eltern zu reden, noch heute ein gewöhnlicher Mietblock in der heruntergekommenen Innenstadt Leningrad.

Als sie damals,1964, Putins Eltern aufsuchte, machte Putins Mutter keinen Hehl daraus, dieses Kind nicht gewollt zu haben. Die ersten beiden Kinder der Mutter Putins waren verstorben, aber der Vater Putin wollte unbedingt einen Sohn haben, der später in seiner Metallfabrik arbeiten sollte.

Die Klassenlehrerin Gurjewitsch gab Putin kostenlosen Privatunterricht, um seine Noten aufzubessern, und um den Jungen von der Straße fernzuhalten, worum sich auch der Kampfsporttrainer Anatolij Rachlin kümmerte, indem er Putin Kampfsportunterricht gab. 

Putin zeigte sich im Sportunterricht sehr engagiert und zielstrebig. Der Trainer redete Putin senior aus, seinen Sohn in seine Metallfabrik zu schicken, da er mit seinen geistigen Fähigkeiten Karriere bei der Polizei oder dem KGB machen könnte.

In späteren Jahren wurde durch Schulfreund Alexander Nikolajew, dessen Vater bereits beim KGB war, arrangiert, dass Putin Kontakt zum KGB bekam.

Im Jahre 1968 beendete Putin nach 8 Jahren die obligatorische Hauptschule. Da Putin einen Ingenieurberuf ergreifen sollte, schickten ihn seine Eltern auf die Mittelschule Nr, 281, sie war als eine Sonderfachschule für spätere Chemiker konzipiert.

Putin war allerdings im Fach Chemie nicht begabt und setzte sich während des Examens dicht neben seinen weitaus begabteren Freund Slawa Jakowlew.

Putin interessierte sich damals schon für politische Geschehnisse und prägte sich ein Gesicht ganz besonders ein: den damals (1968) 60 Jahre alten Jurij Andropow, Chef des sowjetischen Komitees für Staatssicherheit (KGB).

1973 ernannte ihn Breschnew zum Vollmitglied des Politbüros - ein bedeutendes Zeichen der politischen Aufwertung einer Institution, die unter Stalins totalitären Herrschaft in schweren Verruf geraten war.

Der kleine Putin konnte sich damals in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen, dass nur 30 Jahre später er den Platz Andropows einnehmen würde. Im Sommer 1970 meldete sich Putin beim KGB und informierte sich auf welchem Wege er KGB-Agent werden könne.

Man legte im nahe, zuerst einen juristischen Hochschulabschluß vorzuweisen . Daraufhin setzte Putin alle Hebel in Bewegung, um in die elitäre Rechtsfakultät der Leningrader Universität, die an der 22. Linie der Wasilij-Insel im Stadtzentrum lag, aufgenommen zu werden

Putin schaffte es gegen den Widerstand seiner Eltern an dieser Universität aufgenommen zu werden. Dort gab es einen sogenannten Lehrstuhl für Militärfragen; somit brauchte Putin keinen aktiven Dienst mit der Waffe anzutreten. Er musste sich allerdings an den Wehrübungen im Rahmen der Ausbildung beteiligen, am Ende des Studiums erhielt Putin den Grad eines Leutnants der Reserve.Neben dem Rechtsstudium widmete sich Putin seinem Lieblingshobby - den Kampfsportarten Judo und Sambo , die er seit seinem 10. Lebensjahr praktizierte.

Putin wurde 1973 diplomierter Meister im Sambo, 1975 in Judo.

Ein Jahr nach Beendigung des Studiums - 1976 - gewann er als kampferprobter KGB - Mitarbeiter die Leningrader Judo-Meisterschaft. Bei einem Wettkampf soll er sogar den damaligen Judoweltmeister Wladimir Kjullenin aufs Kreuz gelegt haben.

Ein nicht genannter Schulkamerad erzählte der Zeitschrift Moskowskie nowosti aber auch eine weniger schöne Geschichte, wie der vom sportlichen Ehrgeiz besessene Putin im zweiten Studiensemester 1971 bei einem Samboturnier an der Universität einen Freund , der diese gefährliche Sportart nicht beherrschte, dazu überredete, als Ersatzmann für einen anderen erkrankten Mannschaftskameraden einzuspringen.

Am Tage zuvor versuchte Putin seinem Freund auf die Schnelle einige Sambo-Tricks beizubringen. Doch währen des Turniers kam es zu einer furchtbaren Katastrophe.

Der unerfahrene Amateur wurde schwer verletzt und erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Mannschaftskapitän Putin litt jahrelang psychisch aufgrund der Folgen des schlimmen Unfalls. Beinahe wurde er aus der Hochschule ausgeschlossen. Bei dem Begräbnis soll er

schrecklich geweint haben. In seiner Autobiographie schilderte Putin den Vorfall dagegen ganz anders.

Im zweiten Semester machte Putin Bekanntschaft mit dem Mann, dem er später seine große politische Karriere verdankte - Anatolij Sobtschak - Rechtsprofessor an der Leningrader Staatsuniversität.

An der unsichtbaren Front

Wladimir Putin arbeitete 15 von seinen insgesamt 25 Berufsjahren als KGB - Offizier und hat es, wie er später immer wieder und bei jeder Gelegenheit beteuerte, niemals bereut.

Putins erster Job beim KGB war im Sekretariat der Leningrader Geheimdienstadministration. Schon nach wenigen Monaten wechselte er in die Zweite KGB - Hauptverwaltung für Spionageabwehr in der Leningrader Administration über.Da Putin ein großer Sportliebhaber war, durfte er in der Rolle des " Aufpassers" sowjetische Touristen und Sportlerdelegationen ins Ausland begleiten.

Manchmal wurde Putin auch zu weniger spannenden Einsätzen beordert. Seine Kommilitonen erkannten Putin oft unter den Ordnungshütern mit den berühmten roten Binden auf Kirchenprozessionen.

Der KGB beobachtete dabei die Kirchgänger ganz genau.

Nach einer solchen Prozessionen zu Ostern wurde Putin nachts auf einer Bushaltestelle von einem betrunkenen Rowdy belästigt. Es kam zu einer Schlägerei, Putin ließ den Aggressor mit einem Judogriff durch die Luft fliegen. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich immer wieder in seinem späteren Leben, zuletzt kurz vor seiner Abreise in die DDR in der Moskauer U - Bahn. Bei dieser Schlägerei brach er sich den Arm.Nachdem Putin 1976 einen einjährigen Speziallehrgang in Moskau absolviert hatte, durfte er sich als " operativer Mitarbeiter" stärker auf die westlichen Ausländer in Leningrad spezialisieren. Er wurde von der Spionageabwehr in die Erste Hauptverwaltung des KGB - Die Auslandsaufklärung - versetzt. Die Aufklärungsabteilung war immer die Eliteabteilung des KGB gewesen.

Um seine Karriere in der Eliteabteilung zu beschleunigen, musste Putin aber der KPdSU beitreten. Im Leningrader KGB machte Putin Bekanntschaft mit zwei gleichaltrigen Kollegen, die 25 Jahre später mit ihm zusammen die allerhöchste Macht in Russland erringen sollten: Sergej Iwanow , heute Sekretär des mächtigen Nationalen Sicherheitsrates der Russischen Föderation, sowie Nikolaj Patruschew , Putins Nachfolger als Chef des Föderalen Sicherheitsdienstes ( KGB - Nachfolgeorganisation ), machten damals als Zwanzigjährige mit Jahre hinweg gehalten . Möglicherweise ist in diesen Jahren durch diese Männerfreundschaft das Fundament für die spätere Entwicklung Russlands gelegt worden.

Putin, Iwanow und Patruschew - das ist die neue Trojka , die im Jahre 2000 die Geschicke der Großmacht Russland lenkt.Einen Monat nach Putins 30. Geburtstag starb Breschnew nach 18 Jahren an der Spitze des Staates. Das riesige Gebälk auf dem das Sowjetreich errichtet worden war, krächzte an allen Ecken und Enden. Breschnew und andere Greise im allmächtigen Politbüro hatten einen Reformstau provoziert, der sich bald auf gefährliche Art und Weise entladen musste. Keiner wusste über die inneren Probleme der Sowjetunion so gut Bescheid wie die Mitarbeiter des KGB. Am informiertesten waren die Offiziere des Auslandsaufklärungsdienstes, die über den wahren Zustand der Rückständigkeit des Sowjetsystems interne Studien angefertigt hatten . Zu diesem Personenkreis zählte auch Putin. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan hatte die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen schwer belastet und auf ein neues Rekordtief sinken lassen. Gegen Moskau waren wirtschaftliche Sanktionen verhängt worden. Mit dem Machtanstieg des ehemaligen KGB - Chefs Jurij Andropow zum neuen Staats - und Parteichef verbanden nicht nur die Führungskräfte im KGB Hoffnungen für die politische und wirtschaftliche Zukunft des Landes. Eine Aufbruchstimmung kam auf. Mit Andropow, der mit 68 Jahren noch zu den jüngeren Politbüromitgliedern zählte, sollten in der UdSSR endlich die Weichen auf Modernisierung gestellt werden. In der Sowjetunion begann sich plötzlich ein Andropow - Kult zu formieren.Der Westen blieb misstrauisch, im Gegenteil - der amerikanische Präsident Ronald Reagan erklärte die von Andropow geführte Sowjetunion zum " Reich des Bösen". Reagan, aus CIA - Quellen über den Stand der Wirtschaft in der Sowjetunion bestens informiert, glaubte nun die historische Chance nutzen zu können, dem Gegner ein neues Rüstungswettrennen (" Krieg der Sterne") aufzwingen und ihn damit totzurüsten. Während seiner kurzen Amtszeit als Sowjetführer von November 1982 bis Februar 1984 konnte Andropow seine Pläne nicht wie erhofft in die Tat umsetzen.

Erstens wurde er von seinem Nierenleiden so sehr geplagt, dass er sich mehreren Operationen unterziehen musste und das Land praktisch nur vom Krankenbett aus regieren konnte.

Zweitens wehrten sich die anderen Politbüromitglieder gegen seine Reformvorhaben. Mit größter Mühe gelang es Andropow , auf den wenigen ZK - Plenarsitzungen, die in seiner Amtszeit abgehalten wurden, ein paar neue Führungskräfte in die Parteispitze einzubauen.

Der sterbenskranke Andropow gab schließlich auf. Mit zittrigen Händen schrieb er, wie einst Staatsgründer Wladimir Lenin, einen Abschiedsbrief an das Zentralkomitee der KpdSU, in dem er den letzten Wunsch äußerte, das mit Abstand jüngste Politbüromitglied Michail Gorbatschow möge zu seinem Nachfolger erkoren werden. Doch die Parteispitze ignorierte Andropows Vermächtnis. Nachfolger im Amt des Staats - und Parteichefs wurde wiederum ein gebrechlicher, alter Parteiapparatschik. Konstantin Tschernenko konnte bei seiner Thronbesteigung kaum gehen und sprechen.

Der von einer Asthmakrankheit schwer geplagte Kreml - Chef verschwand wenige Wochen nach seinem Amtsantritt im selben Krankenhaus, in dem zuvor jahrelang Breschnew und später Andropow ans Bett gefesselt lagen.

Die Innen - und Außenpolitik der Supermacht Sowjetunion war monatelang gelähmt. Als Tschernenko Anfang März 1985 starb, blieb den Greisen im Politbüro nichts anderes übrig, als Gorbatschows Ernennung zum Kreml - Chef zuzustimmen. Putin erhielt von seinen Vorgesetzten immer ein gutes Zeugnis. Nur eines machte ihnen Sorgen. Der junge Geheimdienstler war 1983 als 30 - jähriger immer noch nicht verheiratet.Am 28. Juli 1983 heiratete Putin. Seine Auserwählte hieß Ljudmila Schkrebnewa und war zuletzt Stewardess bei der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot. Ljudmila wurde am 6. Januar 1958 in Kaliningrad - dem früheren deutschen Königsberg - geboren.

Mit 17 Jahren wurde die bildhübsche Ljudmila Briefträgerin, einige Zeit später erlernte sie den Beruf einer Dreherin im Kaliningrader Werk "Torgmasch". Später wechselte sie den Job und wurde Sanitäterin im städtischen Krankenhaus. Nebenbei brachte sie , sozusagen als Hobby, jungen Pionieren Theaterspielen bei. Ljudmila war eine offene und natürliche Erscheinung. Ein guter Freund der Putin - Familie sagte in den Tagen vor den Präsidentschaftswahlen: " Ljudmila wird eine hervorragende First Lady werden, sie wird ihrem Mann genauso beistehen wie seinerzeit Raisa Gorbatschowa dem sowjetischen Staatschef zur Seite stand. Nur ist Ljudmila herzlicher, menschlicher, nicht abgehoben..."

Wladimir lernte die sechs Jahre jüngere Ljudmila 1981 auf einer Vorstellung des bekannten sowjetischen Satirikers Arkadij Rajkin in Leningrad kennen. Damals musste er ihr noch erzählen, er sei ein einfacher Fabrikingenieur. Sie wunderte sich allerdings, dass ein einfacher Ingenieur in der Lage war, ihr jeden Wunsch bezüglich Eintrittskarten für ausverkaufte Konzerte oder Theatervorstellungen in kürzester Zeit zu erfüllen.

Putin machte Ljudmila zwei Jahre später ein solch kompliziertes Heiratsangebot, dass sie nicht sofort verstand, ob er sein künftiges Leben mit ihr teilen oder Schluß machen wollte.

Als Gorbatschow im März 1985 an die Macht kam, war der KGB - Major Putin gerade 32 Jahre alt. Während Gorbatschow auf dem historischen April - Plenum des ZK der KpdSU im April 1985 den Beginn der Perestroika verkündete, wurde Putins erste Tochter - nach der Schwiegermutter Ekaterina genannt - geboren.

In der Perestroika wurden dem KGB neue Aufgaben zugewiesen.

Gorbatschows Politik von Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) veränderte grundlegend das gesamte sowjetische System.

In seiner Politik stützte sich Gorbatschow auf zahlreiche Berater seines langjährigen Gönners Andropow.Überzeugte Anhänger der Reformpolitik - Männer wie Putin - begannen an den Stühlen der Parteibonzen zu sägen.

Gorbatschow benötigte für die Säuberung der Parteispitze weniger als 2 Jahre. 1988 stand er unangefochten an der Spitze der Machtpyramide.

Gorbatschows Pläne der großen historischen Umgestaltung gingen über die Reformierung der Sowjetunion hinaus. Auch die anderen Länder des Warschauer Paktes sollten sich modernisieren, ihre Perestroika durchführen. In den damaligen Ostblockstaaten waren in der Regel überall noch stockkonservative breschnewähnliche Greise an der Macht.

Über die Art der Geheimdiensttätigkeit, der Putin in der ehemaligen DDR nachging, gibt es widersprüchliche Angaben. Fest steht, dass er 1985 mit der Familie nach Dresden übersiedelte und dort der "Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland" zugeordnet wurde .

Speziell arbeitete er im sowjetischen Auslandsaufklärungsdienst, der eng mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi) kooperierte.Journalisten aus aller Welt fuhren in den letzten Monaten nach Deutschland, um dort auf "Putin - Jagd" zu gehen. Sie suchten nach Spuren in Dresden und Leipzig, Bonn und Berlin. Alles, was auf dem Gebiet der Geheimdienste Rang und Namen hatte, wurde ausgefragt. Das Ergebnis war auf dem ersten Blick niederschmetternd. Der ehemalige Chef des Sowjetischen Auslandsaufklärungsdienstes und Chef des KGB von 1988 bis 1991, Wladimir Krjutschkow, konnte sich an Putin überhaupt nicht erinnern. Dafür gibt es drei Erklärungsansätze.

Der erste: Putin war damals Mitte Dreißig - noch zu jung, um einen wichtigen Posten zu besetzen.

Die zweite Möglichkeit: Putin war ein unbedeutender Geheimdienstler gewesen, der nur am Schreibtisch saß und dem keine wirklich brisanten Aufträge zugeteilt wurden.

Die dritte: Putin war so geheim und so in den Tiefen des KGB versteckt, dass ihn sogar seine übergeordneten Bosse nicht zu Gesicht bekamen. Je mehr ein Biograph in die Lebensgeschichte des Geheimdienstlers Putin eindringen möchte, um so widersprüchlicher werden die Angaben. Es scheint, als ob Kräfte der sogenannten "unsichtbaren Front" , heute in Moskau versuchen, einen dichten Nebel des Schweigens über diesen Abschnitt der Putin - Biographie zu legen. Andere wiederum legen möglicherweise falsche Fährten aus und wollen gezielt Nachforschungen in die Irre führen. Ob hier nicht wieder ein neuer Putin - Kult, ähnlich wie der Andropow - Kult in den achtziger Jahren, am Entstehen ist? Putins Büro befand sich in Dresden, in einer grauen Villa in der Angelikastr. 4 am Rande des Nobelviertels Loschwitz.

Die Putins bewohnten eine typische Zweieinhalbzimmerwohnung im dritten Stock eines Plattenbaus in der Radebergerstr. 101. In der zweiten Hälfte des Jahres 1986 wurde in Dresden Putins zweite Tochter Maria geboren - nach Wladimirs Mutter benannt.

Putin erinnert sich gerne an seine Zeit in der ehemaligen DDR. Gemäß seiner Devise "Jeder hat einen schwachen Punkt" entwickelte sich Putin zu einem wahren Liebhaber des traditionellen deutschen Bieres. Jedes Wochenende fuhr er mit Frau und Kindern im kleinen grauen Lada in der sächsischen Schweiz spazieren. Abends erkundeten er und Ljudmila immer neue Waldgaststätten, wo sie Bier und Würste bestellten.

3,8 Liter Bier pro Woche soll Putin damals getrunken haben. Der nur 1,72 m große Putin nahm heftig zu - bis er schließlich 85 Kilogramm wog und seine Gaderobe von Größe 44/46 auf 52 erneuern musste.

In der Autobiographie wird Putin als besonders rühriger Familienvater beschrieben. Während andere spionierten, beobachtete er jeden Tag aus dem Fenster seines Arbeitszimmers seine kleine Tochter Mascha, die im Hof der Krippe spielte. In seiner Freizeit las er Schiller und Goethe. Putin trat auch dem örtlichen Anglerclub bei, wo er sogar die deutschen Angler mit seiner pedantischen Art, Fische zu fangen, nervte.Einem Reporter der "Welt am Sonntag" gelang es, die Stammkneipe des KGB - Agenten in Dresden "Am Thor" in der Hauptstraße ausfindig zu machen.

Zur großen Enttäuschung derjenigen, die auf sensationelle Enthüllungen gehofft hatten, erzählte der Wirt, dass er Putin niemals betrunken gesehen hatte.

Der "Russe" kam des öfteren abends in das Lokal, setzte sich immer an den gleichen Ecktisch (wo sich heute für neugierige Touristen die "Putin - Ecke" befindet), bestellte ein Bier und beobachtete die Menschen. Ab und zu sprach er mit den Gästen, meistens aber unterhielt er sich über belanglose Dinge. Seine politische Meinung tat er in solchen Gesprächen am Biertisch niemals kund. An Feiertagen lud er zum Wodka ein - den er allerdings nicht beim Ober bestellte, sondern aus einer mitgebrachten Flasche unter dem Tisch ausschenkte. Bei offiziellen Anlässen hielt sich der KGB - Hauptmann Putin mit dem Trinken stets zurück. Kurz nach seinem Eintreffen in die DDR proklamierte Gorbatschow in der Sowjetunion die berühmte Antialkoholkampagne. Bei einem Empfang der Stasi schüttete Putin zur allgemeinen Verwunderung den Inhalt seines Wodkaglases in einen Blumentopf.Was tat Putin nun wirklich in der DDR? War er an politischen Manövern hinter den Kulissen beteiligt, von denen DDR - Kollegen aus dem Ministerium für Staatssicherheit nichts wussten? Warum gaben ihm russische Kollegen den Spitznamen Stasi? Putin stieg innerhalb von 5 Jahren zum Hauptmann, dann zum Oberstleutnant auf, was für damalige Verhältnisse keine schlechte Karriere war. Im Jahre 1987 erhielt Putin, allerdings zusammen mit vielen anderen sowjetischen Kollegen, die Verdienstmedaille der nationalen Volksarmee der DDR in Gold überreicht. Diese Auszeichnung war ehr eine höfliche Anerkennungsgeste an den sowjetischen Offizier anlässlich des 70. Geburtstages der Oktoberrevolution.

Am 7. Februar 1988 wurde Putin mit der Bronzemedaille des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR ausgezeichnet, wofür er ebenfalls keine besonderen Verdienste gegenüber der DDR vorzuweisen hatte.Ein hoher amerikanischer Diplomat äußerte sich Ende Februar 2000 skeptisch über Putin: "Wir wissen von diesem Mann noch viel zu wenig. Es gibt gravierende Lücken in seiner Biographie, die uns viel Kopfzerbrechen bereiten."

Völlig undurchsichtig ist bis heute Putins Rolle beim Zusammenbruch der DDR geblieben. Stand er der Revolution positiv oder negativ gegenüber? Von wo hat er den Fall der Mauer beobachtet? Wie sah er die Leipziger Montagsdemonstrationen, die sich praktisch vor seiner Haustür abspielten? War er - wie manche mutmaßen - sogar Teil eines von Gorbatschow initiierten KGB - Komplotts gegen den Staats - und Parteichef Erich Honecker gewesen ?In seiner Autobiographie zeigte sich Putin entsetzt darüber, wie viele seiner Stasi - Kollegen in der DDR zu dieser Zeit noch an die kommunistischen Ideen wirklich glauben wollten - für Putin, der die Perestroika - Politik Gorbatschows kannte, war diese Haltung nicht mehr nachvollziehbar. Frühere Mitarbeiter der Stasi wiederum schildern Putin heute als einen zurückhaltenden, übervorsichtigen Kollegen, der sich ständig unter Kontrolle hielt, eine Vorliebe für die Arbeit hinter den Kulissen entwickelte, niemals im Vordergrund stehen wollte und deshalb von seiner Umgebung nicht wahrgenommen wurde.

Die DDR - Geheimdienstler waren manchmal über Putins Fähigkeit, sich Gesichter einzuprägen, außerordentlich erstaunt. Die Stasi - Kollegen schätzten Putins außerordentliche Intelligenz, seine Verschwiegenheit und seine Effizienz. Er vermied es schnelle Entscheidungen zu treffen. An ein fremdes Ehrenwort glaubte er nicht - in solchen Fällen verließ er sich immer auf seine Intuition.Erstaunt zeigten sich Stasi - Kollegen Putins darüber, wie intensiv der Russe die fernöstliche Philosophie des Kampfsportes verinnerlichte.

Er hatte ein fein ausgeprägtes Gespür für strenge hierarchische Subordination entwickelt, erweckte niemals den äußerlichen Eindruck, um jeden Preis Karriere machen zu wollen, wobei er aber trotzdem sehr auf Erfolg ausgerichtet war.

Die Kollegen schätzten an Putin seine Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin, die ihm, als einem innerlich sehr emotionalen Menschen ,oft sehr schwer fielen.

Eine charakteristische Eigenschaft Putins war das Strecken seiner Finger - damit stellte er sein seelisches Gleichgewicht wieder her. Ein Kollege Putins meinte, Wladimir würde schwierige Situationen immer nervös aufnehmen. Meistens hielt er seine Hände in den Taschen versteckt - offenbar ebenfalls als unbewusste Handlung, um Gefühle zu verstecken. Im Kreis von Freunden und Kollegen bezeichnete sich Putin mit Vorliebe als "typischen Vertreter der Roten Aristokratie" und war stolz darauf, dass sein Großvater aktiv an der Oktoberrevolution in Sankt Petersburg beteiligt gewesen war.Putin verließ die DDR im Januar 1990 - zwei Monate nach dem Fall der Mauer.

Wenige Monate vor dem Fall der Mauer im November 1989 verlor der sowjetische KGB die sicher geglaubte Kontrolle über die Lage in der DDR. Vom eigentlichen Fall der Berliner Mauer wurde die KGB - Dependance in Karlshorst nicht etwa vom Verbindungsmann in der Stasi, sondern durch das westliche Fernsehen informiert.

Nachdem die Mauer gefallen war, bliesen einige aufgebrachte DDR - Bürgerrechtler zum Sturmangriff auf die Stasi - Archive. Putin wird wohl den 6. Dezember 1989 niemals vergessen, an dem das russische KGB - Stabsquartier in der Angelikastraße 4 in Dresden von einer wütenden Menschenmenge fast gestürmt worden wäre. Putin telefonierte nach Ostberlin und bat den Kommandeur der Westlichen Gruppe der Streitkräfte um Hilfe. Doch der antwortete ihm, aus Moskau wären hierzu keine Befehle erteilt worden. Putin und seine Kollegen mussten daraufhin die Waffen ziehen, um die Aktivisten vom Sturm auf ihr Gebäude abzuhalten. Der 38 - jährige Oberstleutnant Putin trat selbst vor die aggressive Menge, gab sich als Dolmetscher aus und appellierte an die Menschen, die sowjetische Militärvertretung in Ruhe zu lassen.

"Ich bin als Soldat bereit zum Tod"- soll er den empörten Bürgerrechtlern zugerufen haben.

In diesem Moment, erzählte Putin der russischen Journalistin Natalija Geworkjan später, realisierte er, dass es die Sowjetunion nicht mehr gab. Moskau schwieg - niemand kam, um Putin und seine Kollegen zu schützen. Putin zündete den Ofen an und verbrannte in den nächsten Tagen sein gesamtes Dokumentationsmaterial - die Früchte seiner fünfjährigen Spionagearbeit für die Sowjetunion.

Im erstmals in der Geschichte der Sowjetunion frei gewählten Parlament, dem Volkskongress der UdSSR, hatte sich im Sommer 1989 eine "Interregionale Gruppe" von demokratisch gesinnten Abgeordneten konstituiert und bildete nun den Hauptstab der gesamten Reformbewegeung in der Sowjetunion. Den Vorsitz der Gruppe übernahmen Jelzin und Sacharow.

 

Der Reformmotor von der Newa

Putin hatte, als er 1990 aus der DDR zurückkam, fünf Jahre Auslandserfahrung aufzuweisen. Noch wichtiger: Er beherrschte eine zweite Sprache - Deutsch.In Dresden, wo Putin 5 Jahre lang zu Hause war, konnten westliche Fernsehprogramme nicht empfangen werden. Und die DDR war zwar unter allen ehemaligen Ostblockstaaten das technologisch am weitesten entwickelte Land gewesen, doch politisch betrachtet gehörte die damalige DDR zu den rückständigsten Ländern Osteuropas.

Putin musste mit ansehen, wie das kommunistische Regime die Kontrolle über die politischen Prozesse im Land verlor und die DDR als Staat kollabierte.

Nach seiner Rückkehr nach Leningrad musste Putin die schmerzliche Erfahrung machen, dass auch hier ähnliche Prozesse eintreten konnten. Die Newa - Metropole stand kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch.

In der damaligen Sowjetunion breitete sich eine Hungerkatastrophe aus. Der Westen half mit massiven Hilfslieferungen.

Doch anders als in der DDR gab es in Leningrad neue demokratische Kräfte, die der leidenden Bevölkerung wenigstens eine positive Zukunftsperspektive versprechen konnten. Viele fortschrittlich denkenden Menschen identifizierten sich mit der Figur des demokratischen Oberbürgermeisters Anatolij Sobtschak. An seiner Seite war bis zum Augustputsch ein junger rothaariger Mann zu sehen, der für die Wirtschaftsreformen der Stadt zuständig war. Sein Name war Anatolij Tschubajs.Für den Umzug nach Hause hatte Putin vorgesorgt. Mit seiner Familie konnte er unmöglich in die enge Wohnung seiner Eltern ziehen. Putins Eltern waren jedoch schon alt und benötigten Pflege. Noch 1987 hatte er seine Freunde im KGB gebeten, ihm bei der Wohnungssuche zu helfen. Damals zogen die Eltern Putins in eine neue, geräumigere, 99 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung am Sredneochtinskij Prospekt um. Drei Jahre später kam Putin mit Frau und Töchtern nach.

Viele Nachbarn erinnern sich an den Tag, als die Putins mit Kind und Kegel aus Dresden in Leningrad eintrafen. Besonders staunten sie über den schwarzen Wolga, den die Putins aus Dresden mitgebracht hatten. Ljudmila Putina wurde bald für ihren rasanten Fahrstil in der Stadt bekannt. Die Nachbarn im Haus Nr. 42 am Sredneochtinskij Prospekt sahen von Putin allerdings recht wenig. Gelegentlich führte er abends seinen Hund aus. Ab und zu kamen Freunde zu ihm nach Hause. Doch insgesamt blieb Putin seinen Nachbarn gegenüber verschlossen. Ein neugieriger Hausbewohner hatte herausgefunden, dass Putin beim KGB arbeitete und wollte ihn während gemeinsamer Hundeausflüge in politische Diskussionen verwickeln. Putin hörte ihm höflich zu, blieb jedoch wortkarg und, wie der Nachbar bemängelte, sehr mürrisch. Putin wirkte während der ersten Jahre nach der Rückkehr aus Sankt Petersburg verstört und nervös.

Das politische Leben in Leningrad war nicht wiederzuerkennen. Politische Parteien, Bewegungen und Clubs schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Newa - Metropole bekam 1991 ihren alten Namen zurück. Sankt Petersburg wurde wieder zum Fenster nach Europa.

Der russische Markt lockte viele ausländische Geschäftsleute an. Putin arbeitete bis spät in die Nacht in seinem Büro im Smolnyj - der Leningrader Stadtverwaltung.

Ende Mai kamen Sobtschak und Putin auf Einladung des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft nach Deutschland. Am 24. Mai wurde die Eröffnung des neuen Domizils in Leningrad im Privathaus des Vorsitzenden des Ausschusses, Otto Wolff von Amerongen, in Köln gebührend gefeiert.

Der große Rußlandkenner Otto Wolff fand Gefallen an der Zusammenarbeit mit den deutschlandfreundlichen Leningradern. Als Sobtschak vier Monate später wieder mit Putin nach Deutschland fuhr, organisierte er ein Spitzentreffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl, bei dem Putin als Dolmetscher fungierte. Weder Kohl noch Wolff konnten damals ahnen, welche Karriere den schüchtern wirkenden jungen Mann an Sobtschaks Seite, der kaum Charisma besaß.

Ende März 1992 weilte Putin ein weiteres Mal auf Einladung des Ostausschusses in ausstrahlte, aber mit technischem Wissen brillierte, erwartete.Deutschland - diesmal in Berlin, als Gast auf dem Privatisierungskongress der Treuhand. Am 25. März saß er im Restaurant in der dritten Etage des Hilton - Hotels an der Seite Finks. Man aß, trank und träumte von einer neuen deutsch - russischen Freundschaft.

"Woher kannst du so gut deutsch?" fragte Fink seinen Freund und Kollegen.

"Ich war oft im Haus der sowjetischen Wissenschaft und Technik in der Friedrichstraße" erwiderte Putin verschmitzt. Fink kann sich daran erinnern, wie sein Tischnachbar über die Rückständigkeit der russischen Wirtschaft lamentierte und immer wieder hervorhob, wie wichtig es sei, das ostdeutsche Wirtschaftspotenzial in den gesamtdeutschen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland aufrechtzuerhalten.

An Putin erinnert sich auch der heutige Generalbevollmächtigte beim Vorstand des Philips - Konzerns, Wolfgang Rosenbauer. Der Hamburger Unternehmer hat den späteren Präsidenten Russlands als kompetenten Gesprächspartner bei mehreren Geschäftstreffen in der Hansestadt kennen - und schätzen gelernt. Rosenbauer vermochte den Kontakt zu Putin auch nach dessen Umzug nach Moskau aufrechtzuerhalten. Putin reiste damals ständig nach Hamburg - nachdem an der Elbe die Städtepartnerschaft mit Leningrad besiegelt wurde.

In seiner Freizeit mischte sich der Deutschlandfreund gerne unter die Leute, ging alleine aus, besuchte Kneipen, sammelte wertvolle Eindrücke. Das wiedervereinigte Deutschland gefiel ihm mit jeder Reise mehr und mehr.Hier fühlte ersich, da er der Sprache mächtig war, sehr wohl. Seine beiden Töchter soll er sogar für kurze Zeit an eine Hamburger Schule zur Aufbesserung ihrer Deutschkenntnisse geschickt haben. Einem Freund vertraute er nach ein oder zwei Gläsern Bier an: "Ich habe ein zweites deutsches Wesen in mir entdeckt!"

Kurzum - Putin fühlte sich auf dem Boden des wiedervereinigten Deutschlands wie ein Fisch im Wasser.

Bei einem seiner ersten Besuche in Hamburg ließ er sich von Mitgliedern der russischen Delegation überreden, nach sankt Pauli zu fahren - in eine Erotikshow.

Beim Anblick eines nackten, zwei Meter großen Afroamerikaners fiel aber eine der russischen Damen aus der Delegation in Ohnmacht. Heute lacht Putin herzlich über diesen Vorfall. In Hamburg war Putin auch ein oft gesehener Gast in Spielkasinos - doch schwört er Stein und Bein, dass seine Besuche einzig und allein dem Studium von möglichen Projekten für Sankt Petersburg gedient hätten.

Putin laß gerne deutsche Zeitungen, verfolgte weiterhin die politischen Ereignisse in Deutschland. Die Biographien der deutschen Politiker waren ihm aus seiner Spionagezeit in der DDR wohlbekannt. Er hatte selbst Informationen, teilweise auch intimste Details aus dem Leben west - und ostdeutscher Politiker, zusammengetragen und an die Zentrale in Moskau weitergeleitet.

Ein guter deutscher Freund des Präsidenten Russlands sagt heute: "Putin kennt nicht nur Deutschland, er liebt Deutschland. Während seiner Tätigkeit in Sankt Petersburg war Putin nur zweimal in den USA, dafür aber ein Dutzend Mal in der Bundesrepublik."Am 12. Juni 1991 wurden in Leningrad die ersten freien Oberbürgermeisterwahlen abgehalten, aus denen Anatolij Sobtschak als Sieger hervorging. Gleichzeitig wurde in der Russischen Föderation - noch im Rahmen der UdSSR - Jelzin zum Präsidenten gewählt. Sobtschak bestellte Putin, der sich bei den Reisen nach Deutschland und in andere westliche Länder so hervorragen bewährt hatte, zum Vorsitzenden des Komitees für Außenbeziehungen der Regierung von Sankt Petersburg - zu einer Art Außenminister seiner demokratischen Administration.

Fünf Jahre lang bereiste Putin in dieser Eigenschaft nun die ganze Welt, machte dem russischen Außenminister Andrej Kosyrew darin Konkurrenz. Putin fuhr keineswegs nur nach Europa. Im Jahr 1993 unternahm er auf Einladung des israelischen Außenministeriums eine Dienstfahrt nach Jerusalem. Nach Putins eigenem Bekunden wurde diese Reise zu einer Art Pilgerfahrt. Der ehemalige KGB - Mann begann sich stärker für religiöse Fragen zu interessieren. Seine Mutter hatte ihm vor der Israelreise gesagt: " Gehe an das Grab des Herrn und weihe dort dein Taufkreuz ein." Die alte Mutter überreichte ihrem erwachsenen Sohn damals sein eigenes Taufkreuz, von dem dieser möglicherweise zuvor gar nichts wusste, da seine Taufe ja in frühen Kinderjahren im geheimen verlaufen war.

Israel faszinierte Putin so sehr, dass er wenig später mit seiner ganzen Familie dort Urlaub machte. Putin soll Jahre später auch seinen großen Mentor Jelzin für eine Reise zu den heiligen Stätten gewonnen haben.Am 19. August 1991 brach in Moskau der berühmte Putsch aus. Ein "Staatliches Komitee für den Ausnahmezustand" (GKTschP) wurde ausgerufen. Panzer fuhren auf den Straßen von Moskau. KGB - Chef Krjutschkow hatte seine Drohungen wahrgemacht. Der KGB wurde zum Initiator des Putsches.

Der Sankt Petersburger Oberbürgermeister Sobtschak, gerade in Moskau, fürchtete in diesen Stunden um sein Leben. Sobtschak entschied, nicht bei Jelzin in Moskau das Geschehen abzuwarten, sondern sofort in seine Heimatstadt zurückzufliegen, um dort den demokratischen Widerstand gegen die Putschisten zu organisieren. Seine politischen Gegner sahen für sich die Stunde der Gunst gekommen, Sobtschak auszuschalten. Aus dem Kreml kam der Befehl an die örtlichen KGB - Truppen, Sobtschak nach der Landung auf dem Flughafen zu verhaften. Doch als die zum Flughafen gekommenen KGB - Einheiten den Befehl ausführen wollten, mussten sie zu ihrem größten Erstaunen feststellen, dass sich vor der gelandeten Maschine Sobtschak andere bewaffnete Kräfte postiert hatten.

Es war niemand anderes als Putin, der gerade aus dem Urlaub zurück, von der Verhaftung seines Chefs erfahren hatte und sofort eine Eingreiftruppe aus Kräften der örtlichen Miliz formierte, um den Anführer der Sankt Petersburger Demokraten, falls notwendig auch durch Anwendung von Gewalt, zu schützen.

Damit stellte Putin sich offen gegen die Führung seines ehemaligen Arbeitgebers - dem KGB.

Putin trat offiziell aus den Reihen des KGB aus. Neuer KGB - Chef der Sankt Petersburger Region wurde Stepaschin.

Am 8. Dezember 1991 wurde die Welt Zeugin eines einzigartigen historischen Vorgangs:

Der friedlichen Auflösung der Supermacht Sowjetunion. Nach Heiligabend musste Gorbatschow seinen Amtssitz im Kreml für immer verlassen. Für Putin gab dieser Tag den Anlaß, sein Parteibauch in der hintersten Schublade seines Schreibtisches zu verstauen, sich zu bekreuzigen und es zu verschließen. Dort liegt das Parteibuch bis zum heutigen Tag.Jelzin stand nun unangefochten an der Spitze des neuen demokratischen Russlands. Sobtschak unterstützte Jelzin mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

Im Januar begann Jelzin mit dem radikalen Umbau des russischen Wirtschaftssystems. Er musste die Stunde der Gunst nutzen, um das alte totalitäre System zu zerstören und sein Land zur Demokratie und Marktwirtschaft zu führen. Die alte kommunistische Nomenklatura stand unter dem Schock des Verfalls des sowjetischen Imperiums und leistete kaum Widerstand. In Sankt Petersburg verschwand sie ganz von der politischen Bühne.

Russland schlitterte völlig unvorbereitet in die Marktwirtschaft oder - wie die Russen heute sagen - in den "wilden Kapitalismus" - hinein. Jelzin, der von Wirtschaft selbst kaum Ahnung hatte, ernannte auf Anraten seines damaligen Gehilfen und Wahlstabschefs Genadij Burbulis eine handvoll junger Wirtschaftswissenschaftler an die Spitze der Regierung, damit sie für ihn die Kastanien aus dem Feuer holten. Die "jungen Wilden" versuchten, in ständiger Anlehnung an amerikanische Berater, das russische Wirtschaftssystem in wenigen Monaten von der Plan- zur Marktwirtschaft umzufunktionieren - mit mäßigem Erfolg.In der damaligen Umbruchzeit wurden die meisten Geschäfte am Rande der Legalität getätigt. Für eine Arbeitstreffen mit der Administration musste ein westlicher Geschäftsmann einige hundert Dollar hinlegen, beispielsweise 1000 Dollar für ein "Suppenessen" mit dem Oberbürgermeister. Es sprach für Putin, dass trotz intensiver Bemühungen seiner politischen Gegner kaum kompromittierendes Material über seine Tätigkeit ans Tageslicht gelangte. Man wusste, dass Putin des einen oder anderen Gefallen erfüllte, so beispielsweise die Tochter des Direktors des Ermitage Museums bei der Dresdner Bank "unterbrachte" oder Coca-Cola von der lokalen Steuer befreite.

Das war um so erstaunlicher, als Putin in dieser Zeit täglich mit Millionenbeträgen hantierte. Er stand im Mittelpunkt des Geschäftslebens von Sankt Petersburg. Westliche Unternehmer erinnern sich heute an seine Rolle bei der Privatisierung der staatlichen Hotels "Astoria", "Karelia", "Moskwa", "Pribaltijskaia", "Pulkowskaia". Leider vermochte er aber keine größere internationale Hotelkette in die Stadt zu locken. Die Sankt Petersburger Führung konnte den Investoren keine staatlichen Garantien zusichern, die das Investitionsrisiko gemildert hätten. Der Amerikaner Graham Humes erinnerte sich heute noch daran, mit wie viel Finesse Putin damals die Interessen westlicher Geschäftlseute gegen den Widerstand der russischen Bürokraten durchzuboxen im Stande war.

Humes kam 1993 als Generaldirektor von "Caresbac/Sankt Petersburg" an die Newa. Seine Firma organisierte die Einfuhr von eingefrorener amerikanischer Butter nach Sankt Petersburg, wo diese auf der Nahrungsmittelbörse verkauft wurde. Der Reinerlös wurde dann in kleine lokale mittelständige Unternehmen investiert. Der Moskauer Bürokratie war das Geschäft höchst suspekt. Putin versprach Hilfe und erwirkte für die Aktion die Unterschrift des Premiers Tschernomyrdin. Humes war Zeuge, als ein aufgebrachter Sobtschak Putin im Büro anrief und ihn am Telefon anschrie. Putin lächelte nur, hielt den Hörer in Armeslänge entfernt und antwortete: "Wenn sie wollen, können wir uns auch ohne Telefon unterhalten, akustisch verstehen wir uns ausgezeichnet."

Eines Tages meldete sich eine Gruppe Moskauer Geschäftsleute bei Putin an und bat um einen Termin bei Sobtschak. Putin entsprach dem Wunsch und führte die Leute in das Besprechungszimmer seines Chefs. Später erzählte er freimütig über das Treffen: "Es war eine Gruppe von Georgiern. Man unterhielt sich rege über Geschäfte. Und plötzlich sah ich, wie einer dieser Georgier am Tisch einschlief. Ich sagte mir - dieser Kerl wird das Sankt Petersburger Oberbürgermeisteramt nicht mehr betreten. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich Jahre später feststellen musste, dass dieser Mann kein anderer als Boris Abramowitsch Berezowskij gewesen war!"

So trafen sich die Wege Putins und Berezowskijs - der beiden Männer, die in den kommenden Jahren noch eine strategische Schicksalsgemeinschaft bilden und die Geschichte Russlands entscheidend prägen sollten.

Bedauerlicherweise ist in der im Westen heute bekannten Biographie des russischen Präsidenten viel mehr über seine KGB - Vergangenheit zu lesen als über die exzellente Managerarbeit, die Putin von 1990 bis 1996 in der Newa - Metropole geleistet hatte. Dabei kommt ihm gerade diese nützliche Erfahrung in seiner jetzigen Präsidentschaft zugute.

Nicht umsonst predigt Putin seit seiner Machtübernahme von der Notwendigkeit, Auslandsinvestitionen verstärkt die Tür auf den russischen Markt zu öffnen, statt immer neue Schulden im Westen aufzunehmen.

Im Oktober 1993 wurde der Coup gegen Jelzin gewaltsam beendet. Nachdem die militante Opposition sich bewaffnet hatte und den russischen Hauptfernsehsender Ostankino zu stürmen versuchte, ließ Jelzin Panzer vor das Parlamentsgebäude auffahren und mehrere Stunden das "weiße Haus" beschießen.

Die Reformgegner verließen mit erhobenen Händen das zerschossene Gebäude und wurden verhaftet. Jelzin löste die Legislative auf und setzte für den Dezember 1993 Neuwahlen für ein neues Parlament an. Die Macht der Reformkräfte war gesichert - auch in Sankt Petersburg.

Die ersten wirklich freien Parlamentswahlen im Dezember 1993 wurden für Russland zu einer Katastrophe. Sieger der Wahl wurde der Nationalist Wladimir Schirinowskij. Sobtschak hatte ebenfalls für die Duma kanditiert. Zusammen mit dem ehemaligen Oberbürgermeister von Moskau, Gawriil Popow, wollte er mit seiner Partei "Bewegung für Demokratische Reformen", die später in "Russische Bewegung für Demokratische Reformen" umgewandelt wurde, sich und einigen Anhängern per Parteiliste den Einzug ins Parlament sichern. Doch die Konkurrenz zwischen den Parteien war zu groß. Die liberalen Demokraten um Gajdar schufen ihre eigene Partei - "Wahl Russlands" - , und Jawlinskij baute mit "Jabloko" eine dritte Partei auf. Gajdars "Wahl Russland" war die eigentliche Partei der Macht, denn auf ihrer Parteiliste befanden sich zahlreiche Gouverneure. Der Kremlapparat steuerte die Wahlkampagne, die kremlnahen Finanzeliten finanzierten Gajdars Wahlkampf. Allen Regionalfürsten wurde nahegelegt, die neue Partei der Macht zu unterstützen.

Da Sobtschak persönliche Ambitionen hatte und an der Spitze seiner eigenen "Bewegung" ins Parlament einziehen, sich gleichzeitig aber seine Beziehungen mit der Kremlmacht nicht verderben wollte, legte er seinem Vize Putin nahe, der Partei "Wahl Russlands" beizutreten und Gajdars Wahlkampagne in Sankt Petersburg zu koordinieren. Putin schlug zunächst die Hände über den Kopf zusammen. Das Angebot schmeckte ihm überhaupt nicht. Als Folge seiner jahrelangen Tätigkeit im Geheimdienst scheute er die Öffentlichkeitsarbeit - aus seiner Petersburger zeit gibt es bis heute kaum Photos!

Die Aufteilung der demokratischen Kräfte in mehrere Parteien rächte sich bitter. In Sankt Petersburg zum Beispiel entstand eine völlig groteske Situation: Sobtschak und Putin kämpften nun im Reformlager gegeneinander!

Für Sobtschak blieb Putin aller Kritik zum Trotz die wichtigste Vertrauensperson.Im März 1994 beförderte Sobtschak Putin zum ersten stellvertretenden Oberbürgermeister von Sankt Petersburg - und eröffnete ihm damit alle Aufstiegschancen in der großen Politik.

Der Aufstieg Putins war um so erstaunlicher, als er nach damaliger Meinung von Beobachtern nicht das Zeug zu einem Politiker hatte. Rhetorik war nie Putins Kunst gewesen. Als öffentlichkeitsscheuer Politiker haßte er es förmlich, vor dem Stadtparlament auftreten zu müssen. Dafür war er außerordentlich geschickt bei Verhandlungen hinter den Kulissen. Sobtschak, arrogant und unbeherrscht im Umgang mit seinem Umfeld, kam mit den Abgeordneten überhaupt nicht zurecht und betraute bald nur noch seinen Vize Putin damit, Kompromisse mit dem lokalen Parlament auszuhandeln.Im März 1995 bat Sobtschak Putin, zu einem ganz besonderen Gespräch in sein Büro zu kommen. Die Wahl zur zweiten Duma standen vor der Tür.

Sobtschak entschied diesmal selbst mit seiner "Bewegung" nicht zu kandidieren, befahl aber Putin die Wahlkampagne für Tschernomyrdins "Unser Haus Russland" zu organisieren - um den Kreml zufriedenzustellen. Putin wurde auf Wunsch Sobtschaks Regionalparteivorsitzender von "Unser Haus Russland". Dieser Posten erschien so wichtig, dass Tschernomyrdin Putin in den Politrat - das sogenannte Politbüro - seiner Partei berief. Bis Juni 1997 sollte Putin diese Funktion wahrnehmen.Im Frühjahr 1996 rief Sobtschak Putin erneut zu einer "besonderen Lagebesprechung" in sein Arbeitszimmer. Diesmal ging es um die Sicherung der politischen Existenz von Sobtschak - die Sankt Petersburger Gouverneurswahlen standen vor der Tür. Sobtschak ernannte Putin zum Chef seines Wahlstabes. Und Putin hatte sofort die geniale Idee, die Gouverneurswahlen um einige Wochen vorzuverlegen, um Sobtschaks Konkurrenten nicht die Möglichkeit zu geben, sich richtig zu entfalten.

Nachdem der neue Wahltermin vom 16. Juni auf den 19. Mai 1996 formal vorverlegt war, stürzte sich Putin mit aller Vehemenz für seinen Chef in den Wahlkampf.

Putins Intimfeind im Sankt Petersburger Stadtparlament, Beljaew, blies zum Angriff. Als die Kampagne zur Wiederwahl Sobtschaks begann, bezichtigte er Putin und Sobtschak, eine Million Dollar illegal nach Großbritannien geschafft zu haben und über Strohmänner luxuriöse Ferienhäuser an der französischen Atlantikküste erstanden zu haben. Zu dieser Zeit hatten schon zahlreiche russische Neureiche Immobilien in Frankreich, Spanien und der Schweiz gekauft. Da Putin mit der Familie im heißen Sommer 1995 seinen Urlaub in Benidorm verbracht hatte, beschuldigten böse Zungen ihn später, mit einer Gruppe von Sankt Petersburger Unternehmern zusammen an der Costa Blanca Appartements aus Staatsgeldern gekauft zu haben.

Putin klagte gegen die Verleumdung Beljaews vor Gericht. Dabei unterlief ihm zunächst ein technischer Fehler: Putins Klage wurde nicht ordnungsgemäß an das zuständige Gericht im Wohnbezirk des Angeklagten eingereicht. Die lokale Presse bemerkte daraufhin ironisch: "Ein Geheimdienstler müsste eigentlich wissen, wo der Angeklagte sitzt!" Auch eine zweite Klage Putins wurde aus formalen Motiven zurückgewiesen. Das Gericht entschied schließlich zugunsten Putins. Den geforderten Schadenersatz bekam er allerdings nicht zugesprochen. Ein aufgebrachter Putin soll im Gerichtssaal noch geschrien haben, man solle ihn in Ruhe lassen, er wisse ja gar nicht, wo sich die Atlantikküste befinde.

Putin schlug von Anfang an eine falsche Strategie im Wahlkampf ein. Er schien davon überzeugt zu sein, dass Sobtschak die größte politische Gefahr von radikalen demokratischen Lager drohte.

Putin blieb nach der verlorenen Wahl einen Monat in seinem Büro sitzen, bis man ihn im Juli buchstäblich vor die Tür setzte.

Putin blieb drei Monate arbeitslos. Er schien auf etwas zu warten.

Auf was? Darüber wollte er mit niemandem sprechen. Er zog sich auf seine gerade erst fertiggestellte Datscha, die 100 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt lag, zurück. Gerade hatte die Familie die Folgen des schlimmen Autounfalls von Ljudmila Putina überwunden, bei dem sie sich die Wirbelsäule und den Schädel gebrochen hatte, da ereilte sie ein neuer Schicksalsschlag. An einem schönen warmen Sommerabend besuchte Putins ehemalige

Sekretärin mit ihrem Mann die Familie. Man grillte und trank. Später lud Putin alle zu einem Saunabesuch ins Haus ein. Doch kaum hatte er den Ofen richtig angeheizt, stand die Datscha in Flammen. Wie sich später herausstellte, entstand der Brand aufgrund eines Konstruktionsfehlers an der Saunaheizung. Innerhalb weniger Minuten brannte das Haus völlig ab. Putin konnte gerade noch seine beiden schlafenden Töchter über ein an der Balkonstange befestigtes Bettlaken aus dem brennenden Gebäude retten. Danach eilte Putin - nur in ein Badetuch eingewickelt - zurück ins brennende Wohnzimmer, um den im Schrank versteckten Geldkoffer mit allen Ersparnissen der Familie zu retten. Zu seinem Schrecken musste er feststellen, dass der Koffer mit seinem Inhalt schon verbrannt war. Dafür fand er zwischen Schutt und Asche sein Taufkreuz, welches er drei Jahre zuvor in Jerusalem "eingeweiht" hatte.

Die Putins waren zunächst am Boden zerstört. Gott sei Dank tauchte bald ein "Schutzengel" auf. Alexej Bolschakow, ehemaliger Rüstungsmanager aus Leningrad und Putins Vorgänger im Amt des Stellvertreters von Sobtschak, wurde im August 1996 vom Posten des Stellvertretenden Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Union Russland/Weißrußland entbunden und zum neuen Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten Russlands ernannt.

Und Bolschakow erinnerte sich an Putin, wie dieser ihn in schwierigen Zeiten in Smolnyj stets empfing, als sich andere Politiker von den alten Sowjetmanagern ganz abgewendet hatten.

Bolschakow errichtete damals die neue hochmoderne Eisenbahnstrecke zwischen Sankt Petersburg und Moskau. Diese wurde niemals fertig gebaut - das Projekt endete, wieso oft, in einem Finanzskandal. Putin hatte stets ein offenes Ohr für Bolschakows Probleme gehabt. Als nun Bolschakow seinerseits von Putins Unglück erfuhr, setzte er alle Hebel in Bewegung, um seinen Landsmann aus Sankt Petersburg nach Moskau zu hieven. Bolschakow sprach mit dem Geschäftsführer der Kremladministration Pawel Borodin, auch mit dem noch mächtigeren Leiter der Präsidialadministration, Nikolaj Egorow.

Schließlich kam man überein, Putin zum Stellvertreter Egorows zu ernennen. Doch solange im Kreml noch die berühmte Troika Korschakow - Barsukow - Soskowetz herrschte, konnte Putin den Umzug nach Moskau vergessen. Und Sobtschak? Er wurde als Verlierer der Wahlschlacht gnadenlos verfolgt. Der neue Gouverneur Jakowlew hetzte ihm die Geheimdienste und die Staatsanwaltschaft auf den Hals, vor allem nachdem Sobtschak in einem Interview mit der Zeitschrift "Streng Geheim" Jakowlew der Allianz mit einer der gefährlichsten Moskauer Mafiagruppen des Landes, der kriminellen "Tambow - Gruppierung" bezichtigt hatte.

Der Generalstaatsanwalt Jurij Skuratow begann gegen Sobtschak zu ermitteln.

Sobtschak hatte sich in seiner Amtszeit zu viele Feinde gemacht, die ihm jetzt auch aus den kleinsten Korruptionsaffäreneinen Strick drehen wollten. Die Wohnung des Ex - Oberbürgermeisters wurde durchsucht, Sobtschak und seiner Gattin wurde eine Untersuchungshaft angedroht. Im Oktober 1997 wurde Sobtschak verhaftet und verhört. Man wollte ihn zwingen, Angaben über frühere Mitarbeiter seiner Administration zu machen und sie der Korruption überführen. Für den 58 - jährigen war diese Anstrengung zu viel - er erlitt einen Herzanfall. Seiner Frau gelang es, den Kranken einen Monat später in einer Nacht - und Nebelaktion außer Landes nach Paris zu bringen. Ein Privatflugzeug aus Finnland landete an einem dunklen Novemberabend im Pulkowo - Flughafen, Sobtschak wurde auf einer Trage an Bord gebracht, und der geheimnisvolle ausländische Pilot ließ die Maschine sofort wieder in die Luft steigen. Später wurde behauptet, man habe Putin - der damals schon stellvertretender Leiter der Administration des Präsidenten in Moskau war -, unauffällig am Rande der Rollbahn stehend, erkannt.

Putin hielt den Kontakt zu seinem früheren Boss, den er niemals geliebt, aber stets geachtet hatte. Aber Putin musste erst Leiter des mächtigen russischen Geheimdienstes werden, um eine Amnestie für seinen einstigen Mentor zu erwirken. Dies geschah während einer Jagd. Präsident Jelzin war gerade dabei, Wildenten abzuschießen, als man ihm zuflüsterte: "Professor Sobtschak geht es gar nicht gut. Man sollte etwas für ihn tun. Er möchte zurück in seine Heimat." Jelzin überhörte zunächst die Bitte. "Das ist doch Sache der Gerichte", knurrte er. Doch nach einer Weile taute er auf. Er ließ seinen Chefleibwächter zu sich rufen und gab entsprechende Anweisungen. Einige Wochen später konnte Sobtschak, von der schweren Krankheit gezeichnet, wieder russischen Boden betreten.

Der rasante Aufstieg seines Günstlings Putin an die Spitze des Kreml verlieh Sobtschak plötzlich Hoffnungen, erkönne als Rechtsberater des neuen Präsidenten in die große Politik zurückzukehren. Er gab freudig Interviews, traf führende russische Politiker zum Mittagessen, erzählte allen, die es hören wollten, vom engen Verhältnis zu seinem einstigen Studenten und späteren politischen Mitstreiter. Im Dezember 1999 kandidierte er für die Wahlen in die Duma, verlor aber gegen einen "Jabloko" Politiker. Unermüdlich wie Sobtschak war, erklärte er trotz Niederlage, er würde im nächsten Jahr für das Amt des Oberbürgermeisters von Sankt Petersburg wieder kandidieren. Putin machte ihn zu einer seiner "Vertrauenspersonen" - doch die eigentliche Wahl Putins zum russischen Präsidenten im März 2000 erlebte Sobtschak nicht mehr. Einen Monat vor der Wahl starb er an einem Herzinfarkt. Und nahm - wie manche behaupten - das "Geheimnis" Putins für immer mit ins Grab.

 

Das Spielfeld

In den folgenden Kapiteln wird die Rede sein von einem sehr verzwicktem und brutalen Spiel. Von einer Partie um Geld und Einfluß in einem der potentiell reichsten Länder der Welt. Putin, so kann man sagen, ist nach vielen Zügen ihr Endprodukt. Im Jahre 1996 setzten sich die einflussreichsten Männer Russlands zusammen und beschlossen, eine politische Figur aufzubauen, die es ihnen ermöglichen würde, die Macht zu behalten und ihren Reichtum zu sichern und auszubauen - über die Ära Jelzins hinaus.Als im Frühjahr 1996 in Russland die Wahlkampagne für die Präsidentenwahl begann, hatte an einen Wahlsieg Jelzins schon fast keiner mehr geglaubt. Zu tief war Jelzins einst ungemein große Popularität bei der Bevölkerung gesunken, zu weit war ihm der Kandidat der Kommunisten, Gennadij Zjuganow, in allen Meinungsumfragen voraus. Seit Jahren verlief diese Front zwischen dem Präsidenten und der Duma, zwischen den Vertretern und den Kritikern jener spezifischen Gestaltung marktwirtschaftlicher und gesellschaftlicher Reformen, die sich unter Jelzins Führung seit 1991 herausgebildet hatte. Wie Schwarz und Weiß saßen die Parteien sich gegenüber, schoben selbst Figuren, entwickelten Pläne und belauerten die Züge des anderen. Nun schien es zeitweise, als könnte Jelzin selbst den Sprung in die Stichwahl verpassen. Gerade einige Monate zuvor hatten die Kommunistische Partei und die populistischen Nationalisten unter Wladimir Schirinowskij auch die Wahlen zum Parlament, der Duma, klar für sich entschieden. Vor allem aber schleppte der Präsident als Ergebnis seiner ersten Amtszeit eine Vielzahl ungelöster Probleme und gefährlicher Hypotheken mit, die das Vertrauen der Bevölkerung in ihn erschüttert hatten.Die eine schwere Hypothek war natürlich der Krieg in Tschetschenien. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion strebte die Kaukasusrepublik nach Unabhängigkeit. Rußland wollte Tschetschenien jedoch mit Gewalt zum Verbleib in der russischen Förderation zwingen.Die zweite Hypothek war die Wirtschaftskrise. Die 1992 eingeleiteten marktwirtschaftlichen Reformen führten zu zwiespältigen Ergebnissen. Das Kabinett des Wirtschaftsreformers Gajdar setzte, um die Planwirtschaft in einem Rundumschlag zu zerstören, alle Preise frei.

Das nun nicht mehr vom Staat kontrollierte Preisniveau stieg binnen kürzester Zeit ins Unermessliche. Nun kamen zwar Waren auf den russischen Markt, auch aus dem Westen, doch für die meisten Menschen waren sie unerschwinglich. Es tat sich ein riesiger Graben zwischen Realeinkommen und Lebenshaltungskosten auf.

Auch bei der Privatisierung der Wirtschaft ging, wie in den vergangenen Kapiteln beschrieben, vieles daneben.Eine dritte Hypothek war die Arbeitslosigkeit. Sie stieg vor allem in den Industrieregionen gewaltig an. Der Staat sah sich außerstande, den Staatsbediensteten die Löhne auszuzahlen. Auch die Pensionäre warteten vergeblich auf ihre Renten.Jelzin hatte den Unwillen vieler Bewohner Russlands nachhaltig auf sich gezogen, als er das gegen ihn opponierende Parlament im Herbst 1993 mit Panzern zerschlug.

Der Präsident hatte so ein Präzedenzfall für die gewaltsame Lösung politischer Auseinandersetzungen durch die Staatsmacht geschaffen. Danach setzte Jelzin eine neue Verfassung durch, die seinem Amt riesige Vollmachten verlieh und seine Machtbesessenheit zu bestätigen schien.

Unter solchen Voraussetzungen schien 1996 der Wahlkampf Jelzins von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und doch kam es schließlich anders. In den letzten Monaten vor den Präsidentenwahlen setzte Jelzin mit einer großangelegten Wahlkampagne zur Aufholjagd an. Auf Wahlveranstaltungen in 23 Regionen des Landes erlebte die russische Bevölkerung ihren Präsidenten mit anfeuernden Reden, sie sah ihn, eifrig Betriebe, Städte oder populäre Künstler besuchen. Vor allem hörte sie ihn soziale Verbesserungen versprechen und nicht zuletzt auch volksnah trinken und sogar tanzen. Dabei spitzten Jelzin und seine Berater die ganze Wahlkampagne des Präsidenten auf das Motto "Reformen oder Rückkehr zum Kommunismus" zu.

In den folgenden Seiten der Biographie wird beschrieben, wie Jelzin es im Einzelnen schaffte, erneut zum Staatspräsidenten gewählt zu werden, was mir, im Einzelnen zu schildern, zu kompliziert und umfassend ist.

 

Die Finanzelite forderte nach dem Wahlsieg Jelzins eindeutig ihren Lohn.

Sie wollte nicht mehr wie im Jahr zuvor, die Macht durch Mittelsmänner beeinflussen, sondern direkt in die Regierung und andere Exekutivstrukturen aufgenommen werden. Nachdem sie mit ihrem Geld, ihren Medien und ihren Organisationsressourcen die Wahlen gewonnen hatte, begehrte sie den Anteil an der unmittelbaren politischen Macht.

Die Oligarchen bestimmten einen Mann aus ihrer eigenen Mitte - den Onexim-Chef Wladimir Potanin - zum neuen Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten für Wirtschafts- und Finanzfragen. Potanin wurde damit, neben Putins Sankt Petersburger Gönner Bolschakow, zum zweitmächtigsten Politiker im Kabinett Tschernomyrdin. Potanin hatte sein Finanzimperium dadurch geschaffen, dass seine Bank - durch die Vermittlung seines Freundes Tschubajs - die Konten der staatlichen Zollbehörde verwalten durfte. In seiner kurzen Amtszeit an der Spitze der Regierung konnte Potanin keine sichtbaren Erfolge verbuchen. Er wurde bald wieder entlassen - die Oligarchen ärgerten sich darüber, dass Potanin nur die engeren Interessen seiner eigenen Finanzlobby in der Regierung vertrat.Doch wie hatte sich zwischenzeitlich die Karriere Putins entwickelt?

Nach einigen Niederlagen erhielt Putin durch Bolschakow und Pal Palytsch einen Job in der Kreml - Administration.

Putin, der für Sobtschak in Sankt Petersburg eine ähnliche Rolle wie Borodin für Jelzin gespielt hatte, fand schnell seinen Platz in der Kreml - Administration. Loyal und verschwiegen, keineswegs machtbesessen, gleichzeitig aber effektiv - das waren seine geschätzten Charaktereigenschaften.

In den folgenden Monaten geriet Putin auf ein sehr gefährliches Spielfeld, auf dem sich völlig unterschiedliche Akteure tummelten. Hier gab es die alten Sowjetmanager, die so taten, als ob sie Reformen durchführten, in Wirklichkeit aber nur Revanche trachteten.

Daneben wuchs eine neue Elitegruppe heran - die Oligarchen, über die im folgenden noch ausführlich die Rede sein wird. Auch der KGB kochte im Hintergrund fleißig sein Süppchen.

Ab und zu versuchte ein Spieler aus der Gruppe die Hand nach der Krone des Zaren auszustrecken - mal war es Luschkow, mal General Lebed, mal Tschernomyrdin, mal sogar Tschubajs. Putin brauchte viel Zeit, um sich in diesem Dickicht von politischen Intrigen, blutigen Machtspielen und Schlammschlachten auszukennen. Er konnte von Glück sprechen, dass er nicht, wie Pal Palytsch, in den Sumpf der Korruptionsskandale geriet, die Jahre später die Kremladministration erschüttern sollten. Putin stand nie in Verdacht staatliche Gelder veruntreut zu haben, obwohl das russische Staatsvermögen im Ausland, für das Putin zuständig war, schon immer eine ausgesprochen lukrative Nebenverdienstmöglichkeit darstellte. Putin beobachtete die Formierung der neuen Exekutivstrukturen im Kreml, den Rauswurf Lebeds und das Aufkommen der "Jelzin - Familie" schon als Mitglied des inneren Machtzirkels in der Präsidialadministration.Nach der Wiederwahl Jelzins 1996 - die der Westen nach Kräften mit unterstützt hatte - eröffnete die neue Machtkonstellation im Kreml dem Westen die Möglichkeit einer Stabilisierung der Beziehungen zu Russland und neue Chancen der Kooperation.

Die russischen Finanzeliten wurden als westfreundlich und marktwirtschaftlich eingestuft. Sie wollten Kooperation statt Konfrontation mit dem Westen.

Die folgenden Seiten (149 - 242) der Biographie beschreiben die Geschehnisse der Legislaturperiode Jelzins, die politischen Entwicklungen und den Werdegang Putins bis zum 31.12.99, als Jelzin vorzeitig sein Amt niederlegte und Putin an dessen Stelle trat.

 

Wer ist Putin ?

 

Putin war nun Präsident, aber niemand - auch nicht Personen aus dem Kremlapparat - konnte verlässliche Angaben darüber machen, welche Art von Politik der neue starke Mann durchführen würde. Putin blieb für das In - und Ausland eine Sphinx. Das Rätselraten ging weiter. Eines war gewiß: Mit dem Machtanstieg Putins würde in Russland ein Generationswechsel erfolgen, ein anderer Wind Wehen. Die Atmosphäre in der Elite und Gesellschaft wurde angespannter, manche meinten - eisiger. Ein russischer Journalist, der vor den Wahlen die "Deutsche Welle" in Köln besuchte, schilderte die neue Situation in Russland so:

Ihr im Westen habt uns lange genug gedemütigt. Ihr habt uns ständig bevormundet, unser Land kleingehalten. Euer Verhalten uns gegenüber wurde dadurch begünstigt, dass an der Spitze unseres Staates sich ein Trinker befand, dessen Persönlichkeit mit den Jahren schon 

 

degeneriert war. Jetzt wird alles anders. Unser neuer Präsident ist ein innerlich starker, traditionell religiös geprägter und hochanständiger Mensch, der Rußland endlich wieder aufrichtet. Das russische Volk hat aus seiner Mitte in einer schweren Zeit einen neuen Anführer aus ihrer Mitte erkoren. Eure Kritik an seiner Person ist Kritik an unserer Auferstehung.Im Westen lösen solche Worte Verwunderung und ein gewisses Frösteln aus. Erinnerungen an die Endphase der Weimarer Republik werden wach. Auch damals fühlte sich die ehemalige Großmacht Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gedemütigt, von den anderen Mächten missachtet und politisch isoliert. Auch damals verspürten die Menschen eine starke Sehnsucht nach einer hoffnungsvollen Lichtgestalt, die das Land schnell wieder aufrichten könnte. Der Vergleich des heutigen Russlands mit dem damaligen Deutschland hinkt natürlich in vielerlei Hinsicht. Möglicherweise tut man Putin Unrecht, wenn man ihn mit dem oben erwähnten Zitat seines Landmanns identifiziert. Putin selbst möchte vielleicht gar nicht in diese "Messias" - Rolle, die ihm von einigen seiner Untertanen aufgedrängt wird, hineinschlüpfen. Und was ist schlecht daran, dass Russland seinen Stolz zurückgewinnt, selbstbewusster in die Zukunft blickt, auf eigenen Beinen - ohne westliche Krücken - laufen möchte?Dabei kannte man Putin in Russland noch so wenig!

Der größte Teil der Bevölkerung erblickte sein Gesicht zum ersten Mal bei seiner Vorstellung zum Premierminister Russlands im August 1999 - also vor knapp einem dreiviertel Jahr! Für Experten könnte gerade dies das Phänomen erklären. Die Menschen hatten es satt, immer wieder die gleichen Funktionärsgesichter auf der politischen Bühne zu sehen. Ob Jelzin, Primakow, Luschkow oder Zjuganow - sie sprachen alle dieselbe alte Sprache, hatten denselben Stallgeruch, repräsentierten eine vergangene Zeit, hatten in den letzten Jahren viele Versprechungen gemacht und nur wenige gehalten. Nein, die Menschen sehnten sich nach einem Erneuerer, nach einem jüngeren unbekannten Politiker mit frischen Ideen, Durchsetzungskraft, Lebensfreude und politischem Geschick. Nach einem Politiker, dem man endlich nach so vielen enttäuschenden Jahren wieder glauben konnte. Putin war solch ein neues Gesicht. Auf ihn bezogen wurde das berühmte Tjutschew - Zitat über Russland :" Ihn muß man nicht verstehen, an ihn muß man glauben!"Das Phänomen Putin bestand auch darin, dass jeder Russe in ihm - wie im Spiegel - das sehen konnte, was er wollte. Anders als die hochnäsigen und oft arrogant und unnahbar wirkenden russischen Politiker sah Putin wie ein ganz normaler Durchschnittsbürger aus. Seine Kleidung war schlicht, seine Redensart nicht so fein geschliffen, eher unbeholfen und manchmal unbedarft.Natürlich gab es in Rußland auch Gegenstimmen zu Putin, aber wenige. Die Journalistin Ewgenija Albatz sah sich im Wahlstudio des Senders NTW schon fast als zukünftige Dissidentin. In ihrer genauso verbitterten wie resignierenden Analyse bezeichnete sie Putin als das Spiegelbild einer kranken, verwirrten, in Ideen und Worten gefangenen russischen Gesellschaft. Er sei ein Straßenkind, bei dem nur Stärke und Schläue zählten, ein "unkomplizierter und entschlossener Kerl", dessen Körpersprache einen "ziemlich unsicheren, mit vielen Komplexen belasteten Menschen" verriet. Die einzige Umgebung in der er sich wohl fühlte, so Albatz, seinen Männer in Uniform. In der Tat: Kurz nach seinem Sieg bedankte sich der neue Präsident nicht etwa zuerst bei seinen Wählern, sondern rannte zu einer Polizeifeier.Was hatte Putin in den drei Monaten seiner Interimszeit als Präsident erreicht ?

Groznyj wurde zwar von Rebellen befreit, die Stadt aber dem Erdboden gleichgemacht. Der eigentliche Tschetschenienkrieg war am Tag der Präsidentschaftswahlen noch immer nicht zu Ende - die Kämpfer hatten sich in die Berge verkrochen und leisteten von dort aus erbitterten Widerstand. Über seine künftige Wirtschaftspolitik sagte Putin ziemlich viel, aber wenig Konkretes. Seine in mehreren Artikeln im Internet und in der "Izwestja" veröffentlichten Diagnosen der bestehenden Wirtschaftsprobleme hörten sich realistisch an. Geschrieben hatten diese Artikel seine neuen Experten - mit dem deutschstämmigen Herrmann Gräf an der Spitze.

 

Biographie

Wladimir Putin

 

 

E r s t e E i n b l i c k e

Im Jahre 1999, im siebten Monat,

wird ein großer Schreckenskönig vom Himmel kommen: den großen

König von Angolmois wird er von

den Toten erwecken, vor und nach

Mars wird er frühzeitig regieren.

(Nostradamus - Prophezeiungen, X. Centurie, 72. Vers)

Am 9.August 1999 wurde Wladimir Putin, der breiten Öffentlichkeit zuvor völlig unbekannt, von Präsident Boris Jelzin zum neuen Premierminister Russlands ernannt.

Dieser Sensation folgte eine zweite. Jelzin proklamierte den 46 - jährigen Putin gleich zu seinem Wunschnachfolger. Die Weltöffentlichkeit zuckte nur mit den Schultern: Wie sollte der unbekannte Mann innerhalb der verbleibenden elf Monate bis zu den Präsidentschaftswahlen seine Autorität unter Beweis stellen und eine wirklich breite Wählerbasis errichten können? War Jelzin total verrückt geworden? Oder gar in Panik geraten?

Russland befand sich Anfang August 1999 im Kriegszustand mit den tschetschenischen Rebellen, die Dagestan, eine russische Republik im Nordkaukasus, angegriffen und Moskau den "Heiligen Krieg" erklärt hatten. Russland stand vor der Alternative, sich entweder aus dem Nordkaukasus zurückzuziehen und den islamischen Rebellen das Feld zu überlassen oder mit aller Gewalt gegen die tschetschenischen Kämpfer vorzugehen. Jegliche politische Lösungsversuche waren zuvor gescheitert. Putin befahl den Gegenangriff - der zweite Tschetschenienkrieg begann. Die russische Armee benötigte mehr als ein halbes Jahr, um die separatistische Republik Tschetschenien unter ihre Kontrolle zu bringen. Dabei erlitt sie hohe Verluste. Putin jedoch gewann als "Kriegsgott" hohes Ansehen. Der Sieg der Armee kapitulierte ihn frühzeitig, an die Spitze des Kreml. In seiner kurz vor der Präsidentschaftswahl erschienenen Autobiographie verteidigte Putin den Krieg in Tschetschenien. Er habe Russland praktisch vor dem Verfall gerettet.

Doch der Krieg brachte noch lange keinen Frieden. Im Gegenteil, das Schreckgespenst einer "Balkanisierung" des Kaspischen Raumes - Die Region mit dem höchsten Konfliktpotential auf der Erde - wurde zum Leben erweckt.Im Oktober 1999 wurde Putin plötzlich mitten aus einer Kabinettsitzung heraus in den Kreml beordert. Einige Regierungsmitglieder horchten auf: Sollte der neue Ministerpräsident nach drei Monaten entlassen werden? In Wirklichkeit informierte Zar Boris Jelzin seinen Günstling Putin damals von seinem Entschluß, frühzeitig zurückzutreten. Dieser Entschluß wurde in Moskau wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Putin selbst wusste erst gar nicht, wie er sich verhalten sollte. Jelzin war sprunghaft, er konnte Putin genauso schnell auch wieder entlassen. Kronprinzen hatte es in der Vergangenheit zur Genüge gegeben.

Zwei Tage vor Silvester bat Jelzin dann seinen Günstling zum entscheidenden Gespräch zu sich. Nach Aussage von Putin hatte sich zwischen ihm und Jelzin keine besondere Seelenverwandtschaft entwickelt; das Verhältnis der beiden Politiker war keineswegs von einer tiefen Freundschaft, einem Vater - Sohn - Verhältnis oder gar von einer Verehrung geprägt. Die beiden Männer verband ein sachlicher, pragmatischer Umgangston. Jelzin fragte Putin nicht nach dessen Wünschen, Jelzin entschied - und erwartete - dass sich andere, auch Putin, fügten. So auch an diesem Tag. Als er gefragt wurde, ob er bereit wäre, die große Verantwortung auf seine Schultern zu laden, antwortete Putin mit einem Ja.Am 31.Dezember 1999, kurz bevor die Kremlglocken das neue Jahrtausend in Russland einläuteten, verließ Jelzin seinen Amtssitz, von dem aus er ein Jahrzehnt lang Russland regiert oder - wie mache sagen - beherrscht hatte. In seinem Wintermantel eingehüllt, übergab Jelzin sein Büro dem 20 Jahre jüngeren Putin. Das russische Staatsfernsehen filmte die gesamte Episode. Die Fernsehbilder gingen um die ganze Welt. Putin sagte keinen Ton, begleitete den alten, kranken Mann bis an dessen Limousine. Zuvor hatte er von Jelzin die eigentlichen Insignien der Macht erhalten - das berühmte Atomköfferchen mit den geheimen Codes zum Abschuß der russischen Nuklearraketen. Dieses Instrument gibt dem russischen Präsidenten praktisch die Macht, im Bedarfsfall jeden beliebigen Angreifer atomar zu zerstören. Dann hatte Putin noch den Wunsch geäußert, der russische Patriarch Alexij 2. solle die Machübergabe segnen. Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche wurde wie ein Notarzt aus dem Gottesdienst in den Kreml gerufen.

Jelzin winkte lange in Richtung seiner Mitarbeiter. Von seiner "Familie" war auf den letzten Bildern niemand mehr zu sehen, außer dem Leiter der Präsidialadministration Alexander Woloschin und dem Pressesekretär Dmitrij Jakuschkin. Jelzins gepanzerte Limousine - eine Art Festung, mit allen modernen Kommunikationssystemen - setzte sich langsam in Bewegung und fuhr auf die Moskauer Straßen hinaus. Konsterniert verharrte Putin im Eingang des Kremlpalastes. War in Rußland wirklich eine neue Epoche angebrochen? War der "Alte" wirklich für immer aus der Politik verschwunden? Oder würde er plötzlich nach einer Weile wiederkommen - bei Jelzin war man vor Überraschungen niemals sicher - und verkünden, er würde doch gerne seine Amtszeit bis zum Juni 2000 zu Ende regieren und hätte sich alles anders überlegt?

Jelzin hätte den Zeitpunkt seines Abgangs nicht günstiger wählen können. Normalerweise wäre seine Amtszeit im Juni 2000 zu Ende gegangen. Doch die Bevölkerung war seiner Person und Politik längst überdrüssig geworden.

Nachfolger Putin war durch den Tschetschenienkrieg aus dem Schatten seines großen Gönners herausgetreten. Mir Putin und niemand anderem verband ein großer Teil der Menschen ihre Hoffnungen für die nächsten Jahre.

In der Sivesternacht fiel kein böses Wort über Jelzin. Der erste Präsident Russlands hatte in seiner Ansprache sein Volk um Verzeihung gebeten - für alle seine Verfehlungen und nicht erfüllte Versprechungen. Es war etwas wirklich Historisches an diesem Tag passiert.

Am 26. März 2000 wurde Putin mit 52 Prozent der Stimmen schon im ersten Wahlgang zum neuen russischen Präsidenten gewählt, am 7. Mai vereidigt.

Erstaunlich für einen Mann, dessen Gesicht vor einem halben Jahr der Öffentlichkeit noch völlig unbekannt war. Nichts konnte seine Wahl zum Präsidenten mehr stoppen, andere Kandidaten hatten praktisch das Handtuch geworfen.

In Moskau kursierte der erste Putin - Witz:

Ein armer Russe in der tiefen Provinz erhält von der Regierung ein Carepaket mit humanitärer Hilfe. Er öffnet es und findet darin einen Fernseher, ein Radiogerät, mehrere Zeitungen und - Konserven. Er schaltet den Fernseher ein - dort erscheit Putin. Er schaltet das Radio ein - dort hört er die Stimme Putins. Er schaut in die Zeitungen - auch überall Putin. Der hungrige Mann sitzt lange da und überlegt - soll er die Konserven wirklich öffnen?

 

Im März 2000 war Tschetschenien endgültig wiedererobert, die Wirtschaftskurve zeigte eindeutig nach oben, die westlichen Gläubigerbanken hatten der russischen Regierung im Februar 16 Milliarden US - Dollar, die Hälfte der sowjetischen Altschulden, erlassen - ein ganz besonderes Geschenk an die neue Kremlführung. Mit dem neuen Mann waren im Westen zahlreiche Hoffnungen auf einen Durchbruch in der Reformpolitik verbunden. Putin selbst nährte geschickt westliche Hoffnungen auf Stabilität in Russland.